Ein Problemgarten

Ein Garten ist etwas  Besonderes. Meiner ist sehr klein , 170 m². Die kleine Fläche liegt  im  Schatten des "Königsteins". Und zwar ist der riesige Doppelfelsen genau auf der Südseite. 1/3 des Gartens liegt  somit im Schlagschatten. Außerdem ist es eine Hanglage, terassiert in drei Ebenen.  Aber das Ganze hat was, eben etwas Besonderes. Und davon möchte ich berichten. Trotz vieler Probleme ... klein aber mein. 1999 stand ich vor einem verwilderten, mit Unkraut bewachsenem "Etwas". Es war April.  Ich stand auf der ersten terassierten Ebene und überlegte, wie das wohl zu einem Garten werden könnte. Klima, Bodenbeschaffenheit, Lichtverhältnisse und Lage ... das war völlig anders, als der Garten, den ich verlassen hatte. Jeweils genau das Gegenteil. Kalt, fett und feucht, dunkel, steinig........ Aber es hat sich gelohnt ihn aus dem Dornröschenschlaf zu wecken.....ihm ein Gesicht zu geben.

und natürlich ist er Spielwiese für meine Textilwerkstatt.....wann immer es möglich ist, findet hier das Leben statt....finde ich hier Inspiration und Motive...

Hinter dieser Mauer ist er versteckt, liegt allerdings gerade noch alles im Winterschlaf ...

Aber es wachsen hier sogar  die schönsten Rosen, wenn es denn  die richtige Zeit ist.

Ich werde die Schönen samt ihrem Hofstaat der Reihe nach vorstellen, wenn sie dieses Jahr blühen.

Wie alles anfing...

Als ich den Garten am 1. April 1999 übernahm, konnte man ein klein wenig erkennen, daß mein Vorgänger  etwas Beerenobst, Obstbäume und Rasen vorgesehen hatte. Der Rasen  zeigte sich im  Verlauf eines Monats  als ein dichter Löwnzahnwald mit viel Moos und hohen Gräsern. Zwischen einem alten, verwunschenen Holunder und einem malerisch, verwachsenem Apfelbaum war eine Wäscheleine gespannt.  In einer Ecke eine alte Badewanne. Leider nein, keine Zinkwanne, sondern etwas scheußliches, weißes, abgestellt weil es wohl irgendwann zum Müll sollte, dann vergessen, eingewachsen,dann  als dahingehörend angesehen wurde. Von der Terasse zur Eingangstreppe ein gerader gepflasterter Weg, der dem Vorbeigehenden freien Blick auf den Frühstückstisch gewährte.

Für einen besseren Überblick auf mein neu erworbenes Reich stand ich da nun auf der ersten Etage und überlegte, wie das wohl aussehen könnte, wenn es fertig ist.

Ich beschloß erstmal den Weg zu einer  Krümmung zu verlegen, die Terasse zu säubern. Mit der Krümmung hatte ich ein halbrundes Beet geschaffen, zufällig. Und darauf habe ich dann aufgebaut. Da die Fläche zum ehemaligen Schloß gehört, dachte ich an Begriffe wie "Schloßgarten"..."Dornröschen" und blieb daran hängen. Zumal  Rosen schon vorhanden waren. Eine alte "New Dawn"  und eine, vermutlich  "Millefleur" zierten bereits  die Mauern.

Eine stattliche Anzahl selbst gezogener Buchsbäumchen und die Buchsbegrenzung eines Käuterbeetes (4x4m +viertelteilung der Innenfläche)  bildeten die erste Beetrandbepflanzung.

Dann zogen auch allerhand andere Stauden vom alten, trockenen, sandigen zum neuen, feuchten, lehmigen  Garten um. Ein bischen planlos, nach Lieblingsblumen und leicht zu versetzenden und transportablen Pflanzen ausgewählt. Die zwei wunderschönen historischen Rosensträucher "Suaveolens"  ließ ich schweren Herzens zurück. Ich wagte es nicht sie zu versetzen, ahnte damals ja nicht, daß die Nachfolger sie auf den Kompostplatz fahren werden. Manche Menschen ziehen eben eine dauerblühende, langstielige Rose ohne besonderen Duft, dem einmaligen üppigen, duftenden Blütenflor vor. Jedem das Seine.  Aber den beiden Rosen trauere ich sehr nach. Auch der Maulbeerbaum mußte bleiben, wo er war. Leider. Und der blaue Wein, die kleinen Beeren schmeckten nach Muskateller....Leider, leider. Und die Brombeerwand... leider auch zurückgeblieben

Zwei Jahre studierte ich Schattenpflanzen und  Rosensorten und deren Vorlieben, schaute mir alle möglichen Formen und Farben an und lernte die Unterschiede  kennen. Der Weg ist ja bekanntlich das Ziel...Und welche sollte es nun  sein?... keine leichte Wahl, auch wenn die in Frage kommenden Sorten schon eine Auswahl  ergaben. In verschiedenen Gärtnereien suchte ich nach  Rosen. Rosen die Nordseiten, Halbschatten, feuchten Lehmboden, kühle Lage bevorzugen. Bevorzugen ist wohl sehr daneben ...hinnehmen, akzeptieren ist vielleicht besser gesagt.

Letztendlich wurden  50 Rosen ausgewählt und verteilt. Darunter auch einige, die garantiert den Standort nicht mögen werden. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Nun brauchten die Schönen  noch einen Hofstaat ... Begleitstauden.  Von Frühjahr bis Winter sollte etwas blühen. Und es sollte auch nicht so sein, daß jedes und jedes Jahr nur "Arbeiten  im Garten" angesagt ist. Umgezogen ist auch der alte rote Liegestuhl "Deutsches Reichspatent". Schwer und bequem. Er sollte im Mittelpunkt des Gartens stehen, jedoch nicht zur Zierde.

Die ersten Jahre waren ein Desaster. Klar,  das war vorauszusehen. Die größten Feinde, die ich bis dato noch nicht kannte, waren  Nacktschnecken. Eimerweise Nacktschnecken. Fragen auf wie und wo und wann beantworte ich nicht. Niemand mag es wirklich wissen, wie ich schließlich blindwütend wurde.

Dann die Lage. Im ersten Jahr fiel mir das nicht auf, war ja alles erst im Werden. Dann kam die Wahrheit. Ein Jahr nur Matsch und Glitsch. Ein Jahr Hagel im August. Wie eine Häckselmaschine schlugen die Hagelkörner eine Schneise in den Garten. Zwei Wochen betrat ich ihn nicht.  Geht ja aber auf Dauer nicht. Jedes Jahr was Anderes.

Aber -  inzwischen habe ich schätzen gelernt kaum bis nie  gießen zu müssen, im Sommer ein traumhaftes Klima zu haben, Rückzugsplätze an der kühlen Felswand im Schatten...und die Pflanzen dem Garten anzupassen und nicht meinen Wünschen.

So sind Stellen entstanden, die ich kaum betreten muß, die ihr Eigenleben haben. Stellen, die dichten Bewuchs in verschiedenen Höhen haben und  mit unterschiedlichem Grün gefüllt sind. Und Stellen die üppigst blühen. Und das sind die Rosensträucher. Zwischen Mai und September...ein stetig wechselndes Bild. Und natürlich, nicht alle 50 haben überlebt. Meine Lieblingsrose, "Mutabilis", die Schmetterlingsrose, hat in einem besonders kalten Winter die Flügel gestreckt. Ich habe sie auch nicht ersetzt, habe mich abgefunden. "Daybreak" und "Penelope" sind 7 Jahre fleißig gewachsen, haben zauberhaft geblüht bis nach einem kalten Winter kein Grün mehr austrieb. Eine Neupflanzung war auch erfolglos. Nochmal?  Vielleicht, sie waren gar zu schön.

"Felicitè et Parmentier" fiel  einem kalten Frühling  zum Opfer und auch "Blush Noisette" wollte sich mit ihrem Standort nicht abfinden. "Raubritter", "Veilchenblau", "Reine Victoria" und "Yvonne Rabier" hielten auch  gar nicht lange durch.

Die Rosen aber, die bis heute blühen, sind eine Augenweide. Sind herangewachsen zu stolzen Sträuchern und Ranken, die den Garten in Räume teilen, ihn an Sonnentagen mit Duft durchziehen und halten, was ihr Werbebild  versprochen hat.

Auf den meterhohen Rittersporn, duftenden üppigen Phlox, Sonnebraut und Lupinnen und so viele andere Stauden, die meinen Nürnberger Garten  zu einem bunten Blütenmeer verzaubert hatten, muß ich hier nun leider verzichten. Ich habe aber gelernt, daß nicht der Gärtner bestimmt was wachsen soll...sondern der Garten selbst weiß, was ihn ziert. So füge ich mich, ergänze, was bewährt und freue mich an dem, was sich von selbst vermehrt.

Lenzrosen zum Beispiel, verstreuen eifrigst Samen und hunderte von kleinen Pflänzchen wachsen in den Ritzen der Wege. Ein feines Geschenk, wenn sie in ein kleines Töpfchen verpflanzt, ein, zwei Jahre in Ruhe wachsen können.  Und das kleine Zimbelkraut...überall aus den Ritzen der Steine und Pflasterungen, unermüdlich von Frühling bis Winter, bildet es lange Girlanden und Teppiche. Ohne Zutun, jedes Jahr neu und wandert an immer neue Plätze.

Dazu fällt mir der Begriff "Unkraut" ein. Mit einem Johannisbeerstrauch habe ich mir eine Winde in den Garten eingeführt. Das nenne ich "Unkraut" .Obwohl ich die Blüten eigentlich sehr gerne mag. Nur das Gestrüpp das sich um alles windet beängstigt mich jedes Jahr... und es ist einfach nicht zu über-winden. Ansonsten ist es nur noch das Helmkraut, das ich eigentlich nicht in solchen Massen haben möchte, wie es sich verbreitet. Aber das läßt sich leicht im Zaum halten, wenn man es erst mal rechtzeitig entdeckt. Alles Andere  betrachte ich als Zugehörig, und es  wandert auch so manches in die Salatschüssel.

Zum Beispiel Bärlauchsalat aus dem eigenen Garten...wer hat das schon? Bärlauch statt Erdbeeren, denn die mögen hier auch nicht wachsen. Bärlauch würde sich wohl über den ganzen Garten bestimmend ausbreiten, wenn wir ihn nicht essen würden. Und zwar ab jetzt mitsamt den kleinen Zwiebeln, die sich überall im Garten verteilen. Hübsch und lecker...aber eben überall. Unkraut?.

 

Richtiges Entsetzen aber bereitet mir das Schwinden des Buchsbaums.  Er strukturierte den Garten, war ein wichtiger Bestandteil,  selbst gezogen ist er inzwischen zu stattlicher Größe herangewachsen. Die unterschiedlich großen, gleichmäßig rund geschnittenen Kugeln geben dem Ganzen eine Ordnung, lenken die Blicke in eine Richtung, waren Wegzeichen...waren - nun sind Lücken entstanden. Unersetzbar? Neue Stecklinge sind bereits gut gewachsen, ich wage es aber nicht sie auszupflanzen, nicht an die Stellen, wo ich die kranken Kugeln entfernt habe. Aber genau da fehlen sie. 

Heißt es nicht: "man geht nie zwei mal in den selben Garten", ?

Wäre es nicht langweilig, wenn immer alles wie geplant ablaufen würde?  Ist es nicht viel spannender, wenn jeder Gartentag eine Überraschung, etwas Unerwartetes bereit hält?